Multiple Chemische Sensibilität - Ansichten einer Krankheit
Dr. Klaus Rhomberg, Facharzt für Medizinische Biologie, Innsbruck

Kurzdarstellung des Autors


Multiple chemische Sensibilität hat ein Mensch dann, wenn er auf zum Teil winzige Spuren von Schadstoffen völlig anders reagiert, als die Mehrzahl der übrigen Bevölkerung. Da das Wort "Schadstoff" ein politisch besetzter Begriff ist, ist auch die Behandlung von Gesundheitsstörungen kaum ohne ideologische Belastung möglich. Leidtragend sind die Betroffenen, die einer Front von aggressivem Unverständnis ausgesetzt sind. Es gibt auch in Österreich Menschen mit Chemikalienunverträglichkeit. Da diese Krankheit bei uns im Gegensatz etwa zu Kanada oder Amerika offiziell nicht anerkannt ist, haben diese Patienten die größten Probleme mit unserem Gesundheitssystem und mit den Behörden. Die vorgestellte Dokumentation soll dazu beitragen, dass diesen Menschen mehr Verständnis entgegen gebracht wird.

In vielen technischen und auch medizinischen Bereichen gibt es in Europa Bemühungen, den Anschluss an die Entwicklung in Amerika nicht zu verpassen. Dass gerade in einer gesellschaftspolitisch so brisanten Erkrankung, wie es die "multiple chemical sensitivity" darstellt, keinerlei Anstrengungen unternommen werden, amerikanische Standards anzustreben, ist kein Zufall. Der im Bericht aufgezeigte Streit unter den zuständigen Experten in Deutschland wird nicht nur durch fachlich begründbare Meinungsverschiedenheiten getragen, hier prallen auch völlig unterschiedliche Weltanschauungen und Einstellungen gegenüber der modernen Gesellschaft aufeinander. Dieser "Glaubenskrieg" findet auf dem Rücken und Zulasten der Betroffenen statt. Die Sachverständigen finden beliebig viele Hinweise in der Literatur und in der klinischen Praxis, um ihre Meinung in beide Richtungen zu untermauern. So gibt es etwa Doppelblindstudien, bei denen MCS-Patienten auf den typischen Auslöser nicht mit Symptomen reagierten, genauso wie andere Studien, die das Gegenteil nachwiesen. Im klinischen Alltag gibt es Patienten, bei denen vorschnell eine MCS diagnostiziert wurde, genauso wie Patienten, die irrtümlich jahrelang auf seelische Störungen hin behandelt wurden.

Fehldiagnosen und falsche Behandlungen gehören leider immer noch zum klinischen Alltag. Die Annäherung an die entsprechenden optimalen Vorgangsweisen erfolgt zumeist in einem vergleichsweise friedlichen Prozess des Erfahrungsaustausches. Ärzte wollen ja grundsätzlich auch aus Fehlern lernen. Die Dokumentation zeigt allerdings auf, dass kaum ein Krankheitsbild bekannt ist, bei dem der fachliche Streit um das richtige Denkmodell derart heftig ausgetragen wird, wie bei MCS.

Es scheint so zu sein, dass Österreich bezüglich MCS bisher sowohl die medizinische Entwicklung, wie auch den Streit schlicht und einfach verschlafen hat. In Österreich ist nur die umweltmedizinische Ambulanz am AKH in Wien einigermaßen auf die Diagnose MCS eingerichtet. Sie kann gerade mal drei Fälle vorweisen, bei denen eine MCS diagnostiziert wurde.


Dr. Klaus Rhomberg, Sonnenbergstraße 17, 6020 Innsbruck
(Juni 1998)



Abgeschlossene Projekte



Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Forschung, Buchfeldgasse 19a, A-1080 Wien - ZVR: 819560466 - http://www.gwf.at